Spannende Spiele, sehenswerte Tore und der Kampf um den wichtigsten Titel im Fußball – wenn am 11. Juni in Mexiko-Stadt das Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika angepfiffen wird, startet die Fußball-Weltmeisterschaft der Herren in Mexiko, Kanada und den USA. Doch wie steht es um das Thema Nachhaltigkeit bei diesem sportlichen Großereignis?
Grundsätzlich denkt vermutlich niemand, wenn er oder sie an den Weltfußballverband FIFA als Ausrichter des Turniers denkt, an eine starke Verbundenheit zum Thema Nachhaltigkeit. Fragwürdige Vergaben des Austragungsortes wie bei der letzten WM 2022 nach Katar, die vor dem Hintergrund der ökologischen Nachhaltigkeit sowie der Einhaltung von Menschenrechten intensiv diskutiert und kritisiert wurden sowie ständig aufkeimende Korruptionsvorfälle lassen die FIFA nicht unbedingt in einem guten Licht dastehen. Und auch die Auswahl gleich dreier, flächenmäßig sehr großer, Länder als Austragungsort mit teils tausenden Kilometern Entfernung zwischen den Spielorten, die von Teams und vor allem Tausenden Fans in der Regel mit dem Flugzeug zurückgelegt werden, wirft Fragen auf.
Und dennoch stellt die FIFA auf ihrer Website ihre Nachhaltigkeitsstrategie für die kommende WM vor. Fragt sich nur: Stecken hier ernsthafte Bemühungen hinter oder handelt es sich bei dem Ganzen um reines Greenwashing? Grund genug, hier einmal genauer hinzusehen.
Auf den ersten Blick wirkt es natürlich erst einmal sehr positiv, dass es überhaupt eine Nachhaltigkeitsstrategie gibt. Der strategische Rahmen lässt sich sehen: Auf Basis einer Wesentlichkeitsanalyse wurde im Kern eine Strategie in den Bereichen Environmental, Social, Governance sowie Economic entwickelt, in denen dann jeweils verschiedene Handlungsfelder und Zielsetzungen abgeleitet wurden. Diese Strategie bildet den übergreifenden Rahmen, der für das gesamte Turnier gilt und ist an der ISO 20121 sowie den 17 SDG der Vereinten Nationen ausgerichtet.
Ergänzt wird diese übergreifende Strategie zudem durch jeweils einen Environmental Plan sowie einen Human Rights Action Plan für jede der 16 Gastgeber-Städte. Diese entwickeln beide Strategien jeweils individuell, ergänzen damit jedoch die übergeordnete FIFA-Strategie und sind ausgerichtet an einem Rahmenwerk, welches die FIFA eben für die Einzelstrategien der Städte entwickelt hat. Das Rahmenwerk basiert dabei unter anderem auf den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte (UNGPs). Die gastgebenden Städte werden dabei explizit dazu ermutigt, eigene Ziele und Initiativen zu entwickeln, um beispielsweise lokale Umweltprojekte zu unterstützen.
Grundsätzlich klingt das ja erstmal ziemlich stark und fast so, als würde die Weltmeisterschaft eine durchaus nachhaltige Veranstaltung darstellen, oder? Wäre da nicht das ein oder andere große Aber, wegen dem es sich lohnt, genauer hinzuschauen.
Der erste Punkt ist dabei wie eingangs erwähnt ziemlich offensichtlich: Eine Weltmeisterschaft, die in 16 Städten in drei Ländern über den gesamten nordamerikanischen Kontinent stattfindet, ruft gezwungenermaßen große Reisedistanzen hervor, die sowohl die Mannschaften als auch ihre Fans zurücklegen müssen. Gesteigert wird dies dadurch, dass die Anzahl der teilnehmenden Mannschaften von zuvor 32 auf nun 48 Mannschaften aufgestockt wurde, wodurch auch deutlich mehr Spiele (104 statt 64) stattfinden. Die großen Distanzen (die häufig per Flugzeug zurückgelegt werden) in Kombination mit der größeren Anzahl an Spielen führt dazu, dass allein durch den Reiseverkehr immense Treibhausgasemissionen zu erwarten sind.
Das ZDF (welches auch eine Dokumentation zum Thema veröffentlicht hat) hat anhand eines möglichen Turnierverlaufs der deutschen Nationalmannschaft eine Beispielrechnung angestellt:
„Angenommen, Deutschland erreicht das Finale, würde das Team acht Spiele in sechs bis acht verschiedenen Stadien bestreiten. Bei einem Emissionsfaktor von 0,25 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Passagierkilometer entstehen allein für die deutschen Spieler und Betreuer rund 195,5 Tonnen CO2-Äquivalente. Insgesamt würde das DFB-Team dann etwa ein bis 1,3 Millionen Kilometer zurücklegen. Das entspricht rund 25 bis 30 Erdumrundungen.“
Doch es reisen ja nicht nur die Mannschaften zu den Spielen, stattdessen kommen noch die Reise-Emissionen mitunter Zehntausender Fans hinzu, die ihre Mannschaft begleiten möchten. Ein Bericht des New Weather Institute geht davon aus, dass die diesjährige Fußball-WM im Gesamten mindestens 9 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente verursachen wird. Mit rund 85 Prozent entfällt der allergrößte Anteil dabei auf den Flugverkehr, vervollständigt wird der ungeheure Wert durch Emissionen durch Unterkünfte, Merchandise und Gastronomie.
Mit den Emissionen in Höhe von 9 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten wird das Turnier die mit Abstand umweltschädlichste Weltmeisterschaft aller Zeiten. Und dies, obwohl im Gegensatz z.B. zu den WMs in Katar 2022 oder Südafrika 2010 keine neuen Stadien gebaut werden mussten. Dieser Aspekt hebt allerdings auch noch einmal die extreme Wirkung der Reise-Emissionen hervor: Der Wert der Gesamtemissionen mit 9 Millionen Tonnen übersteigt den Wert der WM in Katar (geschätzt rund 5,25 Millionen Tonnen), die aus guten Gründen als Desaster für die Umwelt kritisiert wurde, deutlich.
Und auch an dieser Stelle schließt sich ein weiterer Kritikpunkt an: Die FIFA betont, bis 2040 bei Netto-Null Emissionen sein zu wollen und bemüht die zumindest einmal eher unglückliche Formulierung eines „klimaneutralen Turniers“ 2022 in Katar. Grundlage ist hier neben den positiv zu erwähnenden Ansätzen der Messung und Reduktion vor allem auch der kritisch zu betrachtende Ansatz der Kompensation. Auch hier steht die FIFA in der Kritik, da sie noch immer auf den eher umstrittenen Handel mit Kompensationszertifikaten setzt.
Beinahe absurd wirken die Nachhaltigkeitsversprechen der FIFA jedoch, wenn man einmal einen Blick auf den Sponsorenpool des Verbands wirft. So wird die FIFA unter anderem von Saudi Aramco als Hauptsponsor unterstützt. Bei dem Unternehmen aus Saudi-Arabien handelt es sich um den größten Öl- und Gaskonzern der Welt, über die Umweltschädlichkeit der Gewinnung fossiler Energien müssen an dieser Stelle wohl eher weniger Worte verloren werden.
Die Liste umweltschädlicher Aspekte der WM lässt sich wohl unendlich weiterführen. Weitere Beispiele sind etwa die energieintensive Klimatisierung der riesigen Stadien inmitten einer Hitzeperiode oder die Durchführung in einer Jahreszeit, in der Teile des Gastgeberlandes Mexiko regelmäßig über Wasserengpässe klagen.
Doch auch aus Sicht der sozialen Nachhaltigkeit ist das gesamte Vorhaben ausbaufähig. Ein sehr aktuelles Thema stellen hier die verschärften Einreisebedingungen in die Vereinigten Staaten dar. Während Fans bestimmter Nationen nur aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft erst gar nicht einreisen dürfen, haben selbst Spieler oder Schiedsrichter Probleme. So wurde einem somalischen Schiedsrichter trotz gültigen Visums die Einreise verweigert. Die Nationalmannschaft des Iran (eines der Teams, welches bei Spielen in den USA ohne die Unterstützung von Fans, die nicht in den Vereinigten Staaten leben, auskommen muss) hingegen darf lediglich an Spieltagen in die USA einreisen. Ein Quartier darf, obwohl alle drei Vorrundenspiele in den Vereinigten Staaten ausgetragen werden, dort nicht bezogen werden. Stattdessen müssen Mannschaft und Betreuer am Tag des Spiels ein- und nach Abpfiff wieder ausreisen.
Bei derartigen Bestimmungen handelt es sich zwar freilich um behördliche Anordnungen, auf die die FIFA grundsätzlich wenig Einfluss hat. Kritik daran ist vom Weltfußballverband bis dato allerdings ebenfalls Fehlanzeige, beispielsweise an dieser Stelle wird sich auf das Statut, die FIFA sei politisch neutral, berufen. Allerdings zeigt der Verband vor allem in Person von Präsident Gianni Infantino eine eher ungewöhnliche Nähe zu US-Präsident Trump, beispielsweise indem im Rahmen der WM-Auslosung der kurzerhand neu ausgerufene FIFA-Friedenspreis an Trump überreicht wurde.
Und auch beim Thema Teilhabe könnte die FIFA durchaus mehr Verantwortung übernehmen. Ticketpreise in Höhe von mehreren Tausend Euro für ein Fußballspiel sind bei der diesjährigen WM keine Seltenheit. Als wäre dies nicht genug, bietet der Verband zwar eine Weiterverkaufsplattform für Tickets an, steckt sich dabei allerdings satte 30 Prozent Weiterverkaufsgebühr in die eigene Tasche. Gesteigert werden die Preise dabei zusätzlich durch das Prinzip des „Dynamic Pricing“, bei dem sich die Ticketpreise je nach Nachfrage verändern und Fans für identische Plätze völlig unterschiedliche Preise bezahlen. Dadurch kommen letztendlich dann auch horrende Ticketpreise wie 690.000 US-Dollar für ein Finalticket zustande. Bei all dem sollte sich die Frage gestellt werden, inwieweit das Versprechen der FIFA, dass Fußball verbindet, erreicht werden soll, wenn der Spielbesuch zum völligen Luxusgut wird.
Skurril wird es zudem beim Thema der An- und Abreise von Fans: Ebenfalls aufgrund des Dynamic Pricing-Prinzips stiegen die Fahrkartenpreise des ÖPNV zur Anreise zu den Stadien stark an. Die Anreise zum MetLife Stadium nahe New York City beispielsweise kostete plötzlich statt normalerweise 13 zwischenzeitlich über 150 US-Dollar. Nach heftiger Kritik wurde der Fahrpreis gesenkt – auf 98 Dollar. Ist dies noch nicht fragwürdig genug, wird es spätestens dann etwas absurd, wenn man einen Blick in die eingangs erwähnte Nachhaltigkeitsstrategie der FIFA wirft. Hier besteht ein Ziel unter anderem darin, Fans zur Nutzung des ÖPNV zur An- und Abreise zu den Spielen zu motivieren. Fraglich, wie dies unter diesen (finanziellen) Umständen erreicht werden soll.
Unter dem Strich stehen also allerhand Punkte, die die FIFA und explizit die diesjährige WM zum Thema Nachhaltigkeit in keinem wirklich guten Licht dastehen lassen. Demgegenüber stehen teilweise eingeschränkte Handlungsspielräume und zumindest der Ansatz, das Thema Nachhaltigkeit strategisch zu verankern.
🤔 Nun die Frage an Euch: Freut ihr euch auf die WM oder boykottiert ihr diese sogar, etwa aufgrund einem der oben beschriebenen Punkte? Oder ist Fußball allgemein so gar nicht euer Thema und ihr seht euch durch diesen Beitrag eher darin bestätigt, einen großen Bogen darum zu nehmen? Erzählt es uns in den Kommentaren! 💬
Und falls ihr noch mehr zum Thema erfahren möchtet, hier noch einmal die Empfehlung der ZDF-Dokumentation:

